Dienstag, 15. Juni 2010

Leise

'Guck in den Himmel und sag mir was du siehst' - 'Sterne' habe ich immer geantwortet und wir standen beide auf dem Deich hinterm Haus und haben unsere Köpfe in den Nacken gelegt. Lange standen wir da und manchmal hast du meine Hand genommen. Dann habe ich deine Daumenspitze ganz leise gestreichelt und gewartet bist du meine Berührung erwiderst, aber du hast es nie getan. Vielleicht waren die Bewegungen auch mehr gedacht, deshalb würde ich dir nie einen Vorwurf machen oder eine Frage formulieren.


Es ist Sonntag. Heute knirscht der Schnee unter meinen Schuhen und die Autos zu meiner rechten sind laut und heizen das Benzin nur so in die Luft. Ich muss husten und stehen bleiben. Taschentücher sind Mangelware in meiner Tasche, das war schon immer so. Beeilen, denn ich muss den Bus noch kriegen und der Weg zur Bushaltestelle ist noch weit. Das große 'H' am Horizont ist noch weiter weg als gedacht, das weiß ich aus Erfahrung. 'H' für Horizont, nettes Wortspiel. Der Winter scheint nicht mein bester Freund zu sein, genau wie die Bässe sirrt sein kalter Wind durch meinen Kopf, als ob er mir das letzte bisschen Sympathie für ihn rauben wollte. Nur leider kann ich ihn, im Gegensatz zu den elektrischen Klängen, nicht runter drehen.

Leise war auch der Schnee. In jeder Eisblume habe ich Gesichter gesehen und dir von ihnen erzählt. Sie sahen jedesmal anders aus. Ich weiß bis heute nicht ob du sie genauso sehen konntest, aber du musstest lächeln. Vielleicht sogar ein kleines, leises Lachen.

Hönisch schreit die Sirene eines Beamtenfahrzeugs, irgendwo in der Ferne, in mein Ohr und lässt mich zusammenzucken. Meine Schuhe sind inzwischen durchnässt und das ich kleine Zehen habe, lässt sich nurnoch durch die Nachbarschaft des Zehs daneben erahnen. Meine Zigarette ist inzwischen fast runtergebrannt und ich suche nach Feuer um die nächste anzuzünden. Auch bei diesem Gegenstand handelt es sich eher um etwas, dass ich mir immer spontan borgen muss. Aber heute scheine ich Glück zu haben, doch es fällt, sicher der Schwerkraft, in den Schnee, der es tonlos auffängt.

Es war sowieso alles eher still. Nicht das wir nie geredet oder Musik gehört hätten. Musik gab es viel, aber auch eher die Stille. Worte standen auch viele im Raum, aber ausgesprochen wurden sie selten. Aber 'still' scheint mir das richtige Wort zu sein.

Ja, der Schnee macht beschwerdenlos Platz für meinen lasterunterstützenden Gegenstand. Vielleicht ist er doch einer der wenigen Verbündeten, die ihre Klappe halten. Möglicherweise ist der Winter doch nicht durch und durch schlecht. Er schluckt alles Böse und bedeckt es mit einer leuchtenden weißen Masse, die alles weniger Übel aussehen lässt.

So ist das mit den Symbolisten. Sie umschreiben eine bestimmte Sache mit wortgewaltigen Reden, aber sparen das Eigentlich aus. Ich denke Sprachnot ist das falsche Wort. Vielleicht ist es die Spannung, der Reiz. Der Weg zur Erkenntnis das eigentliche Ziel.

Gleich hab ichs geschafft. Niemand sonst steht an der Haltestelle. Jetzt taucht der Bus am Horizont auf, diesmal steht das große 'H' auf meiner Seite. Schon wieder das 'H'. Das Lächeln hätte ich mir mal sparen können, die Zigarette fällt mir aus dem Mund in die reaktionsbewusste, ausgestreckte Hand.

Ich denke ich hatte nie wieder solche Schmerzen, aber ich war auch nie wieder so glücklich wie damals auf dem Deich, der Kopf in meinem Nacken und meine Hand in der deinen.