Freitag, 25. März 2011

Die letzten Zentimeter zweier Münder


oder so dicht dran, dass man nur noch ein Auge sieht

Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn es sich dabei um die Antwort oder Reaktion einer anderen Person handelt. Wahrscheinlich kennt jeder die brennende Situation davor. Der Moment bevor sich endlich die Lippen berühren.
Es dauert gefühlte Stunden bis es zu dieser Explosion der Gefühle kommt – jedenfalls im besten Falle. Die Überraschung einen feuchten, erwartenden Mund in die Mitte seines Gesichtes gedrückt zu bekommen ist natürlich eine andere Geschichte. Doch genau eben der Besitzer der überraschenden Lippen zu sein, hindert jeden daran, den Anfang zu machen.
Jeder Zentimeter gleicht einer Bergtour ohne Wasser, denn kürzlich -zur Berührung vorbereitet – angefeuchtete Lippen, trocknen bei jeder wartenden Minute weiter aus.
Und jedes weitere Lippenlecken wäre ja viel zu auffällig. Das Gegenüber könnte ja erahnen, worauf man hinaus will und das ist ja das letzte was man möchte.
Automatisch suchen Hände die des Anderen, doch Vorsicht! Nur ganz leise und heimlich, denn es muss ja wie ein Zufall aussehen. Und es ist ja natürlich auch einer.
Die vor Stunden eingenommene Körperhaltung wird immer unbequemer, aber wenn man sich bewegen würde, wäre der lang erwartete Moment schon im voraus zerstört. So verharrt man in der Position und wartet konzentriert weiter, immer darauf bedacht nicht die Kontrolle zu verlieren.
Ein Wettbewerb zwischen dem Rumoren im Bauch und dem Kribbeln der eingeschlafenen Gliedmaßen beginnt.
Hat man dann wieder einige Millimeter geschafft kommt die Überlegung: „links oder rechts“, weil es ja noch zwei weitere Hindernisse zu überwinden gilt. Eines in jedem Gesicht. Doch wenn man seinen Kopf in eine Richtung neigen würde, wäre eine der auffälligsten Bewegungen getan und die Tarnung als unwissendes Opfer des Zufalls wäre aufgeflogen.
Aber man hat schon einiges geschafft, wenn sich die Blicke treffen und beide diesem standhalten. Doch nun geht es an die Deutung. Wenn man nur mit Hilfe von Blicken Gedanken lesen könnte, aber ich würde mal behaupten, dass niemand über dieses Talent verfügt.
Also, wenn du genau diese Situation kennst und das Gefühl hast, dass hier beinahe ein Part aus deiner Biografie abgedruckt steht, kann ich dir nur sagen: Schade!, denn ein Kuss mit weniger Gedankenströmen ist viel schöner!

(in Erinnerung an die beste Ausgabe)