Sonntag, 20. Juni 2010

Wartezimmer


Die bunte Masse treibt vorbei
Ein Schritt vor den anderen
Bässe dröhnen
Slalomverkehr
Ziele haben
oder Blicke schweigen
Ein Zug Schwindel
oder wars Freiheit?
Für die Allgemeinheit.


Es war einer der Morgen an dem die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war und man doch wusste, dass es ein schöner Tag werden würde. Ob es auch einer für mich werden würde bezweifle ich allerdings,denn zum einen ist es ungewohnt früh den Tag zu beginnen und zum anderen war die Nacht zu kurz.
Zugegeben es waren eher einige Gläschen zuviel und mein Kopf dröhnt etwas. Aber es hat sich gelohnt, es war eine Gute Nacht. Viel Unerwartetes und so ist es mir am liebsten. Gar nichts planen und das Leben leben lassen. Deshalb stinkt mir auch jeder Termin und jedes Weckerklingeln, denn das kündigt meist ein geplantes Ereignis an.
Sowie an diesem Morgen.
Auch heute hatte mein Wecker viel zu früh geklingelt und ich hatte ihn viele Male wieder ausgestellt und mich von meinen Träumen wieder ins Kissen drücken lassen.
Nun bin ich wiedermal viel zu spät dran und die Fahrradreifen neigen sich der Schwerkraft, aber zum Aufpumpen ist keine Zeit.
Mein Magen sehnt sich knurrend nach etwas Nahrung, aber der muss sich wohl oder übel noch etwas gedulden. Ich hatte es mal wieder erfolgreich geschafft lange nichts zu essen. „Glückwunsch“ ist mein kleiner geheimer Gedanke. Muss aber mit Bedauern feststellen, dass mein Bauch seine Leere aus Rache nach außen gähnt.
Aber das ist mir lieber, als mit einem Völlegefühl in den Tag zu starten.
Die Beats ströhmen durch meinen Kopf und ich fahre viel zu schnell. Eigentlich darf ich ja auch garnicht fahren, aber ich glaube, wenn ich nur schnell genug fahre, falle ich nicht so leicht.
Hat irgendwas mit physikalischen Kräften zu tun oder so, mein Freund weiß das bestimmt. Frag ihn vielleicht nachher mal, wenn ich es nicht vergesse.
Meine Hände sind noch vollgeschrieben mit irgendwelchen Erinnerungen, die höchstwahrscheinlich noch unerledigt sind. Zum Teil sind die eh nicht mehr zu lesen und genau wie meine Lippen rot verschmiert vom Rotwein.
Auch die letzten Ziffern der Nummer von dem Typen gestern, sind nicht mehr zu erkennen. Tja, tut mir Leid, aber ich hätte mich eh nicht gemeldet, mach ich nie.
Wie spät ist es eigentlich? Hoffentlich reicht sie noch für eine.. sonst überstehe ich das Gelaber mit Sicherheit nicht.
Ich wünschte ich wäre einer von den Menschen die Uhren tragen oder wenigstens ein Handy mit einem zuverlässigem Akku besitzen. Aber bei beidem muss ich passen.
Pünktlichkeit gehört nun mal leider nicht zu meinen unendlich vielen unschlagbaren Talenten.
Ist nun auch egal, ich bin angekommen und das fast rechtzeitig. Einige schnelle Züge Schwindel gönne ich mir. Rumorend rebelliert mein Magen erneut und meine Beine zittern, aber das tut gut,viel zu gut als es bleiben zu lassen. Auch wenn meine Selbstgedrehten eher wie Tüten aussehen, das gewünschte Ergebnis erzielen sie doch immer.
Und Schwindel ist für mich immer wie ein wenig Freiheit. Freiheit macht schwindelig.
Grau, furchtbar langweilige Gebäude und wie befürchtet muss ich auch noch in den fünften Stock. Fahrstuhl oder Treppe? Treppe! Dann kann ich mir nach dem ganzen Verein hier einen Sprossenbagel genehmigen, ohne das mir mein Gewissen eine Kriegsklärung macht.
Wie ich kahle, sterile Treppenhäuser hasse, die nur so tun als hätten sie eine Farbe. Von wegen es gibt keine Nicht- Farbe, dies hier ist der Inbegriff einer Solchen.
Ich hab mal gelesen, dass die Dinge wo die meisten Bakterien hausen, Tastaturen, Türklinke und Treppengeländer sind. Also lieber nicht anfassen. Eigentlich bin ich ja nicht Bakterienscheu, aber in so nem Ärztehaus- man weiß ja nie. Fünfter Stock- mein absolutes Ziel des Tages.
Bis hier hin und nicht weiter.
Der Gang ist so lang wie die Langeweile die er widerspiegelt, auch hier hat jemand ganz tief in die Palette für Nichtfarben gegriffen. Die Tür mit der Aufschrift: Psychtherapeutische Beratung Dr. S., scheint wie für mich gemacht. Na, das macht Mut!
Eine Sprechstundenhilfe, ganz in schneeweiß, warum wählen die nichtmal vanille oder so, strahlt mir entgegen. Die Dame pflegt ihre Zähne im Partnerlook zu ihrer Arbeitskleidung. Sie könnte einer Werbung entstiegen sein.
Ich muss mir ein Grinsen verkneifen. Mein Versuch ihr Strahlen zu erwidern, fällt wenig beherzt aus und schließe den Mund schnell wieder. Ich glaube der letzte Rauch aus meiner Lunge beschmutzt die Praxis und die weiße Seele von: Ha! „Frau Weisse“. Das scheint sie auch soeben gedacht zu haben und verzieht argwöhnisch den Mund. Sie rückt ihr Namensschildchen zurecht und fragt mich ob ich einen Termin habe, klar, seit guten zwei Monaten. Zwei Monate Todeszelle um nun von dieser Frau mit Blicken hingerichtet zu werden.
Fängt ja gut an, das Unternehmen „Smilla S. auf dem Weg zu sich selbst“ dankt.
Die gute Fr. Weisse weißt auf die erste Tür „Wartezimmer“ und reicht mir einen Fragekatalog samt Stift (grässliches Design), damit es leichter für Dr. Smith sei, sich in meine Problematiken hinein zuversetzen. Danke, das Ding hab ich schon oft genug ausgefüllt und mein Lebenswerk wird gleich als Problematik abgestempelt.
Das Wartezimmer sieht aus wie alle anderen, nur das der Wasserspender gefüllt ist und reichlich Becher vorhanden sind. Ja, Frau Weisse macht ihren Job gut.
Ich dachte immer so Psychopraxen sollen die Atmosphäre eines Wohnzimmers vermitteln, damit sich der Patient wohlfühlt und seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Hier hätte ich ein schlechtes Gewissen bei jeder Träne, weil Frau Weisse dann kleine schwarze Pfützen vom geleckten Boden wischen müsste.
Die Fragen sind auch hier keine anderen als anderswo, das nächste mal kopiere in den Katalog, dann kann ich mir das Ausfüllen sparen und das Gespräch vermutlich auch.